Passend IT-Berufe finden
Vier Ordnungsfilter aus der Berufs- und Laufbahnberatung — Interessen, Ressourcen, Markt und KI
Inhalt dieser Seite
- Passend IT-Berufe finden
- 1. «Etwas mit Computern» reicht nicht mehr
- 2. Eine Orientierungskarte: das 4-Felder-Gitter
- 3. Erste Dimension — Was interessiert mich (Holland-Codes)
- 4. Zweite Dimension — Was kann ich (eigene Ressourcen)
- 5. Dritte Dimension — Was braucht der Markt
- 6. Vierte Dimension — Nutzerin von KI werden, nicht Betroffene
- 7. Wie die vier Dimensionen zusammenspielen
- 8. Fazit
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Wer heute in einen IT-Beruf einsteigt, umsteigt oder sich weiterbildet, steht vor einem breiten Fächer. In meiner Beratungsarbeit haben sich vier Filter bewährt, die zu einer belastbaren Entscheidung führen: die eigenen Interessen, die eigenen Fähigkeiten, die Nachfrage der Wirtschaft — und die Frage, welche Qualitäten es braucht, um in einer von KI durchdrungenen Arbeitswelt Nutzerin und nicht Betroffene zu sein.
1. «Etwas mit Computern» reicht nicht mehr
Vor dreissig Jahren war «etwas mit Computern» eine Antwort, mit der ich als Berufs- und Laufbahnberater noch etwas anfangen konnte. Heute umfasst das IT-Feld handwerkliche, gestalterische, wissenschaftliche, kaufmännische und soziale Berufe. Wer sich orientieren will, braucht mehr als eine Vorliebe für Bildschirme.
In meiner Beratungspraxis stelle ich vier Fragen, die eine belastbare Entscheidung tragen: Was interessiert mich? Was kann ich? Was braucht der Markt? Eine vierte Frage ist in den letzten Jahren dazugekommen und lässt sich nicht mehr umgehen: Wie stelle ich sicher, dass ich KI als Werkzeug einsetze — und nicht durch sie ersetzt werde?
Auf einen Blick:
2. Eine Orientierungskarte: das 4-Felder-Gitter
Bevor ich in der Beratung die vier Dimensionen einzeln durchgehe, brauche ich mit den Ratsuchenden eine gemeinsame Karte des Feldes. Das IT-Berufsfeld lässt sich mit zwei Achsen sinnvoll aufteilen: Nähe zur Hardware oder zur Software und Nähe zur Maschine oder zum Menschen. Daraus entstehen vier Berufsräume — Quadranten —, in denen sich die meisten IT-Berufe verorten lassen.
Die vier Quadranten im 4-Felder-Gitter:
Diese Karte ist kein starres Raster — manche Berufe wandern je nach Betrieb zwischen zwei Quadranten. Die Wirtschaftsinformatik zum Beispiel ist ein Grenzgänger: Ihr Kern liegt im Software/Mensch-Feld, sie wandert aber nach Software/Maschine (Data-Rollen) und nach Hardware/Mensch (Beratung, Prozessgestaltung). Sie ist mir in der Berufs- und Laufbahnberatung aber trotzdem ein guter erster Filter, um sich in der Vielfalt der IT-Berufe zurechtzufinden.
«IT» ist kein Beruf, sondern ein Dachbegriff. Die vier Quadranten des Gitters machen das Bündel überschaubar.
3. Erste Dimension — Was interessiert mich (Holland-Codes)
Interesse ist für mich in der Beratung wie ein Kompass — es zeigt die Richtung, in der Anstrengung sich über die Jahre auszahlt. Das RIASEC-Modell nach John L. Holland unterscheidet sechs Interessenorientierungen:
Aus den drei stärksten Buchstaben entsteht der persönliche Holland-Code — etwa IAR für «forschend-gestaltend-praktisch» oder SEC für «sozial-unternehmerisch-ordnend». Jedem der vier Quadranten des Gitters lässt sich ein typischer Leitcode zuordnen.
Nähe zur Maschine und zur Hardware:
Wer hier arbeitet, hat Router in der Hand, verlegt Kabel, konfiguriert Server, hält Rechenzentren am Laufen. Realistic dominiert, weil physische Geräte und handwerkliches Tun das Arbeitsbild prägen. Investigative kommt bei der Fehlerdiagnose ins Spiel, Conventional bei Dokumentation, Compliance und Change Management.
Nähe zur Hardware und zum Menschen:
Der Kern ist der Kontakt mit Anwenderinnen und Anwendern — zuhören, erklären, beruhigen. Social führt. Realistic ergänzt bei praktischem Troubleshooting am Helpdesk, Conventional bei prozessorientierter Beratungsarbeit. Enterprising kommt hinzu, wenn Beratung, Verkauf und Kundenüberzeugung wichtig werden.
Nähe zur Maschine und zur Software:
Investigative bildet den Kern jedes Entwicklerberufs: Probleme zerlegen, abstrakt denken, Datenstrukturen wählen. Conventional ist unverzichtbar, weil guter Code strukturiert, dokumentiert und testbar sein muss. Als dritter Buchstabe kommt entweder Realistic dazu (systemnahes Programmieren, Embedded-Bereich) oder Enterprising (Team- und Produktverantwortung, Startup-Umfeld).
Nähe zur Software und zum Menschen:
Hier führt Artistic — die Berufsbilder sind gestalterisch mit IT-Werkzeugen. Investigative wird bei UX-Research und datengetriebener Produktarbeit wichtig, Enterprising bei Product Management und Digital Marketing. Social kommt in Rollen mit vielen Nutzerinterviews und Teamführung dazu.
4. Zweite Dimension — Was kann ich (eigene Ressourcen)
Interesse allein trägt keine Berufslaufbahn — das erlebe ich in der Beratung immer wieder. Die zweite Frage betrifft die eigenen Voraussetzungen: Fähigkeiten, schulische Vorleistungen, Lernbereitschaft, finanzielle Möglichkeiten, Zeitbudget.
Formale Bildung.
Fachliche Fähigkeiten. In der Standortbestimmung schaue ich mit den Ratsuchenden auf:
Diese Selbsteinschätzung entscheidet mit darüber, welcher Quadrant realistisch ist — und in welchem Ausbildungsweg.
Persönliche Ressourcen. Die häufig unterschätzten Fragen:
Vorerfahrungen. Wer bereits ein Studium abgeschlossen hat, kann über einen Master oder ein Nachdiplomstudium quer einsteigen. Wer aus einem verwandten Beruf kommt (Grafikerin, Elektronikerin, Mediamatikerin, Kauffrau), findet oft anschlussfähige Weiterbildungen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine 30-jährige Grafikerin mit Berufserfahrung und AIE-Code hat andere realistische Wege in die IT als eine 15-jährige Schülerin mit demselben Code. Für die Grafikerin lohnt sich ein CAS oder ein FH-Master in Interaction Design; für die Schülerin die Mediamatik EFZ oder — nach der Matur — ein BSc Interaction Design FH.
5. Dritte Dimension — Was braucht der Markt
Die dritte Dimension wird in der Berufsberatung häufig unterschätzt — auch von mir früher. Interessen und Fähigkeiten allein sichern noch keine Anstellung, wenn die Nachfrage schwach ist. Umgekehrt kann ein florierender Markt einen Berufseinstieg selbst mit mittelmässigen Ausgangsbedingungen ermöglichen.
Marktlage in der Schweiz — mein derzeitiges Bild:
6. Vierte Dimension — Nutzerin von KI werden, nicht Betroffene
Keine technologische Entwicklung hat das IT-Berufsfeld in den letzten Jahren so tiefgreifend verändert wie die künstliche Intelligenz. In meiner Beratung ist sie inzwischen bei jedem Gespräch präsent — der Wechsel ist noch nicht abgeschlossen, die absehbaren Konturen lassen sich aber gut beschreiben.
Zwei Effekte laufen parallel:
Wer heute in einen IT-Beruf einsteigt, muss davon ausgehen: Ein Teil der Aufgaben, die man in der Ausbildung lernt, wird beim Berufseintritt schon von einer Maschine erledigt. Die eigentliche Kompetenz liegt darin zu wissen, welche Aufgaben das sind — und welche nicht.
Wer nicht zum Verlierer dieses Wandels werden will, braucht Qualitäten, die nicht einfach durch mehr technisches Detailwissen erworben werden. Sechs Qualitäten haben sich in meiner Praxis als zentral herausgeschält:
Was das für die vier Quadranten bedeutet:
Der Unterschied zwischen KI-Nutzerin und KI-Betroffener liegt nicht in der Technik, sondern in der Fähigkeit, das Werkzeug zu führen — statt sich von ihm führen zu lassen.
7. Wie die vier Dimensionen zusammenspielen
In meinen Beratungen läuft der Entscheidungsprozess am besten iterativ. Fünf Schritte haben sich bewährt:
Diese Struktur wende ich für alle drei Zielgruppen an — Erstwählerinnen, IT-Fachleute mit Weiterbildungswunsch, Berufsumsteigende. Der Unterschied liegt nicht im Modell, sondern in den Ausgangsbedingungen und in der Dringlichkeit einzelner Dimensionen.
Erstwähler:
Der Holland-Code ist hier Ausgangspunkt und wichtigster Hinweis. Fähigkeiten sind noch formbar — die Schulzeit erlaubt es, gezielt an Mathematik, Englisch oder gestalterischen Grundlagen zu arbeiten. Marktnachfrage sollte einbezogen, aber nicht überbewertet werden: Wer heute mit 15 einsteigt, tritt in fünf bis zehn Jahren auf den Markt — und der wird anders aussehen als heute. Genau deshalb ist die vierte Dimension besonders wichtig.
IT-Fachleute mit Weiterbildungswunsch:
Wer bereits in der IT arbeitet, kennt seinen Quadranten meist. Die spannendere Frage, die ich in der Beratung stelle, ist: Passt der aktuelle Quadrant noch, oder hat sich das Interessenprofil verschoben? Eine Applikationsentwicklerin (ICR), die zunehmend Freude an Nutzerinterviews und Produktentscheidungen findet, bewegt sich in Richtung ICE oder AIE — und sollte Weiterbildungen in UX, Product Management oder Business Analysis prüfen. Für erfahrene Fachleute ist die KI-Dimension besonders relevant: Wo lohnt sich eine Verschiebung in Richtung Architektur, Verantwortung oder Menschführung?
Berufsumsteigende:
Hier ist die Ressourcen-Dimension oft entscheidend. In meiner Beratung frage ich zuerst: Welcher IT-Quadrant liegt nahe genug am aktuellen Beruf, um mit vertretbarem Aufwand erreichbar zu sein? Eine Primarlehrerin (SEA) hat einen kurzen Weg zur ICT-Trainerin oder Applikationssupport-Beraterin (SRC/SCE). Ein Maschinenbauingenieur (RIC) hat einen kurzen Weg zur Embedded-Entwicklerin oder zum System Engineer. Erfahrungen aus dem bisherigen Beruf sind dabei ein Vorteil, den KI-Systeme nicht ersetzen können — sie tragen genau jene Domänenkenntnis mit, die den Unterschied zwischen kompetenter Nutzerin und blossem Werkzeugbediener ausmacht.
8. Fazit
Ein guter IT-Berufsentscheid beruht heute auf vier Dimensionen:
Wo alle vier Dimensionen zusammenpassen, entsteht berufliche Zufriedenheit über die Zeit. Das 4-Felder-Gitter mit den Holland-Codes ist dabei kein starres Raster, sondern ein Werkzeug zur ersten Sortierung. Wer sich darin verortet hat, kann in Ruhe die weiteren Dimensionen prüfen — und daraus einen tragfähigen Berufsentscheid ableiten.
Wichtig ist die Grundhaltung: KI ist ein Werkzeug, das jeder IT-Beruf künftig einbezieht. Die Frage ist nicht, ob man mit KI arbeitet, sondern ob man sie führt oder ihr folgt. Genau das ist die Aufgabe, in der ich in meiner Berufs- und Laufbahnberatung mit den Ratsuchenden Klarheit suche.
VIA MEDICI · Berufs- und Studienorientierung · Wetzikon · Dieser Beitrag richtet sich an Erstwählerinnen und Erstwähler, IT-Fachleute mit Weiterbildungswunsch und Berufsumsteigende.