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Theorie: Kraftquellen

Die theoretischen Grundlagen hinter dem FONTES-Ansatz – wie Flow, Erfüllung und Sinn inneren Halt geben

Wie Flow, Erfüllung und Sinn inneren Halt geben

Woraus Sie inneren Halt schöpfen können, wenn das gewohnte Gleichgewicht wankt – und wie ich damit arbeite.

Viele Menschen kommen in die Beratung, weil sich ihr Leben nicht mehr stimmig anfühlt. Der Beruf passt nicht mehr, ein Ereignis hat vieles erschüttert oder alte Strategien tragen nicht mehr. Dann stellt sich die Frage: Woraus schöpfe ich inneren Halt, wenn das gewohnte Gleichgewicht wankt?

Drei Kräfte spielen dabei eine besondere Rolle:

  • Erfüllung – das Gefühl, dass mein Alltag zu mir passt.
  • Flow – Momente, in denen ich ganz im Tun aufgehe.
  • Sinn – ein tragendes Wozu, das über mich selbst hinausweist.

Wie das Selbst sich schützen kann

Wenn das innere Gleichgewicht kippt, braucht es mehr als nur Flow – dann wird Sinn zum inneren Anker.

Im Text «Wie Beruf, Gleichgewicht und Selbstbild zusammenwirken» zur Theorie meines Laufbahnsupports geht es darum, wie eine gute Passung zwischen Person und Beruf Ihr inneres Gleichgewicht, also Ihre Integrität, stärkt.

Hier geht es um die Frage, was geschieht, wenn dieses Gleichgewicht durch Krankheit, Unfall oder Fehlpassung plötzlich kippt. Wie können Sie dann inneren Halt bewahren, wenn gewohnte Stützen oder erfüllende Aufgaben wegbrechen? Spätestens dann wird deutlich: Flow-Erlebnisse, die dann entstehen, wenn alles passt, reichen allein nicht aus.

Integrität – das innere Gleichgewicht

Integrität ist ein bewegliches inneres Gleichgewicht – das Gefühl, dass Ihr Leben «im Grossen und Ganzen stimmt».

Wenn vieles «grosso modo» stimmt, erleben wir unser Leben als im Lot. Beruf, Beziehungen, Gesundheit und Alltag fügen sich so zusammen, dass wir mit Überzeugung sagen können: «Das ist mein Weg.» Das verstehe ich unter Integrität.

Integrität ist kein starres Ideal. Sie passt sich neuen Lebensphasen an – an Erfolg und Scheitern, Krankheit und Heilung, neue Rollen im Beruf und im Privaten. Sie bildet den Boden dafür, dass wir unser Leben als zusammenhängende Geschichte und uns selbst als Identität erleben.

Erfüllung – wenn Alltag und inneres Selbst zusammenpassen

Erfüllung entsteht, wenn Sie spüren, dass das, was Sie tun und wie Sie leben, wirklich zu Ihnen passt.

Erfüllung entsteht, wenn Sie spüren: «Das, was ich tue und wie ich lebe, passt zu mir.» Es geht weniger um einzelne Glücksmomente als um ein leises, tragendes inneres Ja. Schon Aristoteles (384–322 v. Chr.) verstand seine «Eudaimonia» in diesem Sinn: nicht als blosses Lustempfinden, sondern als beständiges, tugendhaftes Handeln gemäss vernünftiger Einsicht über die Dauer eines ganzen Lebens.

Typische Zeichen von Erfüllung sind:

  • Ihre Aufgaben entsprechen Ihren Stärken.
  • Ihre Werte spiegeln sich in Entscheidungen und Beziehungen.
  • Sie fühlen sich gesehen, gebraucht und gut gefordert.

In solchen Phasen stärkt Erfüllung Ihr inneres Gleichgewicht fast von selbst. Sie ist die horizontale Dimension eines guten Lebens: Sie füllt den Alltag mit Stimmigkeit und Wärme.

Flow – ganz bei der Sache

Flow ist der Zustand, in dem Herausforderung und Können so gut zusammenpassen, dass Sie in einer Tätigkeit ganz aufgehen und die Zeit vergessen.

Im Flow sind wir wach, konzentriert und lebendig. Herausforderung und Können passen so gut zusammen, dass wir ganz bei der Sache sind.

Viele erleben Flow beim kreativen Arbeiten, Musizieren, im Sport oder beim Lösen anspruchsvoller Aufgaben. In solchen Momenten spüren wir: «Ich bin ganz dabei und bewirke etwas.»

Flow stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, nährt Erfüllung und motiviert. Doch diese Konzentration ist hoch intensiv. In schweren Krisen – wenn Gesundheit, Arbeit oder Beziehungen stark erschüttert sind – ist sie oft kaum zu leisten. Dann reicht Flow allein nicht aus, um inneren Halt zu sichern.

Im Flow
Im Flow

Sinn nach Viktor Frankl – die vertikale Achse

Sinn ist ein persönliches Wozu – eine Aufgabe, ein Mensch oder ein Wert, für den ich Verantwortung übernehmen will.

Viktor Frankl beobachtete: Menschen suchen nicht nur angenehme Gefühle, sondern eine tiefere Bedeutung dessen, was sie tun. Es geht um ein persönliches Wozu – eine Aufgabe, einen Menschen oder einen Wert, für den ich leben und Verantwortung übernehmen will. Genau das meint Frankl mit «Sinn».

Wer war Viktor Frankl?

Viktor Frankl (1905–1997) war Neurologe, Psychiater und Begründer der Logotherapie. Im «Willen zum Sinn» – jenseits von Lust- und Machtstreben – sah er die tiefste Motivation des Menschen. Er verstand Erfüllung nicht als Streben nach Glück, sondern als das Bemühen, Alltag, Aufgaben und Beziehungen Bedeutung zu geben.

Wer Erfüllung direkt jagt, verfehlt sie oft; sie entsteht indirekt, wenn jemand über sich hinaus auf etwas oder jemanden ausgerichtet lebt. Frankl, der mehrere Konzentrationslager überlebte, beobachtete, dass Häftlinge mit einer Sinnperspektive psychisch widerstandsfähiger waren. Daher stammt seine bekannte Aussage:

«Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.»

Wo zeigt sich Sinn?

Sinn zeigt sich besonders dort, wo das Leben uns fragt:

  • Wie gehe ich mit Leid und Grenzen um – nicht nur mit meinen eigenen?
  • Wem oder was will ich treu bleiben?
  • Welche Haltung möchte ich einnehmen?

Dieser Sinn ist nicht von der Tagesform abhängig. Er kann auch dann tragen, wenn vieles zerbricht. Frankl beschreibt, dass Menschen im Konzentrationslager vor allem dann durchhielten, wenn sie ein solches Wozu vor Augen hatten.

Haltung kann politisch werden

Wenn Menschen eine solche Haltung konsequent leben, kann das schnell politisch werden. Paul Grüninger, Polizeihauptmann in St. Gallen (1891–1972), wurde berühmt, weil er 1938/39 entgegen offiziellen Weisungen Hunderten, möglicherweise Tausenden jüdischen und anderen Flüchtlingen mithilfe gefälschter oder vordatierter Papiere die Flucht in die Schweiz ermöglichte und ihnen so das Leben rettete. 1993 wurde er von der St. Galler Regierung politisch rehabilitiert; sein Handeln wurde als ethisch vorbildlich gewürdigt.

Paul Grüninger
An der Grenze

Was geschieht, wenn die Passung plötzlich wegbricht?

Wenn das Vertraute zerbricht, reicht Erfüllung allein nicht mehr – dann wird Sinn zum inneren Anker.

Manchmal bricht die gewohnte Passung auseinander: durch einen Unfall, eine Kündigung, eine Trennung oder eine Diagnose. Das Leben steht auf dem Kopf. Der Boden ist weg. Und damit auch das innere Gleichgewicht. Der vertraute rote Faden ist gerissen.

Wie geht das Selbst damit um? Solange Vertrautes – Arbeit, Beziehungen, Routinen und vertraute Tätigkeiten – noch halbwegs trägt, kann Erfüllung langsam wieder wachsen. Reicht das nicht mehr, kommt Sinn ins Spiel. Er wird zum inneren Anker, der hilft, das Geschehene zu deuten und einen neuen Weg zu finden.

Die Sinn-Erfüllungs-Matrix – eine einfache Landkarte

Zwei Achsen – Erfüllung und Sinn – ergeben vier typische Zustände, die Orientierung geben.

Um diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, arbeite ich mit einer einfachen Landkarte aus zwei Achsen:

  • Waagrechte – Erfüllung: Wie stimmig und passend fühlt sich Ihr Alltag an?
  • Senkrechte – Sinn: Wie stark erleben Sie in Ihrem Leben ein tragendes Wozu?

Vier typische Zustände sind dabei möglich:

Wenig Erfüllung – wenig Sinn

Der Alltag wirkt grau und leer. Nichts scheint wirklich wichtig. Weder Aufgaben noch Beziehungen geben Halt. Die Frage «Wozu das alles?» bleibt offen. In solcher Leere wird oft in Betäubung und Ablenkung geflüchtet – in ein Leben voller «Fun».

Party Time
Party Time

Viel Erfüllung – wenig Sinn

Vieles läuft gut: Arbeit, Freizeit, Kontakte. Vieles fühlt sich angenehm an, ist «nice and chill». Und doch taucht gelegentlich die Frage auf: «Ist das alles?» Ein fehlender Kompass ist oft nicht sofort unangenehm – solange der Sprit reicht oder im Tempel genug Umsatz gemacht wird (Markus 11,15–19).

Viel Sinn – wenig Erfüllung

Diese Menschen wissen genau, wofür sie stehen und wofür sie sich einsetzen – für andere, für eine Aufgabe, für einen Wert. Zugleich fühlen sie sich ausgelaugt, überlastet oder körperlich am Limit. Sinn trägt, aber der Preis ist hoch.

E hüere Chrampf
E hüere Chrampf

Viel Sinn – viel Erfüllung

Aufgaben, Stärken und Werte greifen ineinander. Der Alltag wird als stimmig und bedeutsam erlebt. Viele nennen das «Berufung» – ein Feld, in dem Integrität sowohl durch Erfüllung als auch durch Sinn gestützt ist. Berufung speist sich aus Werten, Talenten und Leidenschaften, die als sinnstiftend erlebt werden. Sie lässt sich als Zusammenspiel von Sinn und Erfüllung verstehen und lebt – wie gezeigt – eher von Bildung und Haltung als von Status oder Lustgewinn.

S-E-Matrix
S-E-Matrix

In der Beratung nutzen wir diese Landkarte, um zu klären, wo Sie heute stehen – und welche Schritte Sie in Richtung mehr Erfüllung, mehr Sinn oder einer tragenden Verbindung aus beidem führen können.

Sinn ist nicht gleich Sinn

Sinn lässt sich nicht festnageln – er zeigt sich je nach Blickwinkel ganz verschieden.

Sinn ist Ansichtssache

Was als sinnvoll erlebt wird, hängt vom Standpunkt ab – wie bei einem Kippbild.

Alles Ansichtssache
Alles Ansichtssache

Ding als Unsinn oder Sinn als Unding

Oft wechseln Sinn und Unsinn ihre Plätze. Sinn wird zum Unsinn, Unsinn wird zum Sinn – je nach Perspektive.

«Mit Grips und festem Schlips
ist Sinn oft kein Gewinn.
Wenn der Gewinn aber dahin,
heisst’s dann: wie gewonnen, so zerronnen.
Und plötzlich ist er wieder gut genug – der alte Sinn.
Aber Achtung: Damit ist noch nichts gewonnen.»

Lorenzo Medici

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